Otto Selz

Professor für Philosophie, Psychologie u. Pädagogik 

Biographische Daten
Wissenschaftliche Bedeutung
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Biographische Daten

Vater: Sigmund Selz, Bankier; Mutter: Laura, geb. Wassermann


*14.02.1881in München
1899Abitur in München
1899 -1901Studium der Rechtswissenschaften in Berlin u. München, gleichzeitig Besuch philosophischer und psychologischer Veranstaltungen (Lipps, Stumpf, Dyroff, Brentano)
1907Zweite Prüfung für den höheren Justiz- u. Verwaltungsdienst
1907 -1909Studium der Philosophie in München
1909Promotion zum Dr. phil. in München (Referent: Lipps)
1912Habilitation in Bonn
1912 -1921Priv.-Doz. für Philosophie und Psychologie in Bonn
1915 -1918Kriegsdienst
1921 -1923außerordentliche Professur für Rechtsphilosophie in Bonn
1923 -1933ordentliche Professur für Philosophie, Psychologie u. Pädagogik der Handelshochschule Mannheim
1929 -1930Rektor der Handelshochschule Mannheim
1933/34Entpflichtung als Dozent und vorzeitige Versetzung in den Ruhestand
1938Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau; Entlassung nach fünf Wochen
1939Auswanderung nach Holland
1939 -1943Lehre und Forschungsarbeiten (z. T. inoffiziell) in Amsterdam
1941Ausbürgerung aus Deutschland
24.07.1943Verhaftung und Einlieferung in das Konzentrationslager Westerbork
24.08.1943Transport zum Konzentrationslager Auschwitz
27.08.1943Tod in der Umgebung von Auschwitz



Wissenschaftliche Bedeutung

Otto Selz war einer der bedeutendsten deutschen Psychologen, der "wirkliche Riese der Würzburger Schule" (De Groot, 1973, S. 13). Seine weit reichenden Interessen galten gleichermaßen Fragen der theoretischen wie der angewandten Psychologie. Zugleich war er Philosoph, hielt als Priv.-Dozent und später als Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie, Psychologie und Pädagogik Vorlesungen zu philosophischen Themen und publizierte eine Rede über "Kants Stellung in der Geisteswissenschaft" (1924). Seine Probevorlesung anlässlich seiner Habilitation beschäftigte sich mit "Husserls Phänomenologie und ihr Verhältnis zur psychologischen Fragestellung" (Nachlass, unveröffentl. Manuskript). Seine juristischen Kenntnisse (er war bis 1912 in München als Anwalt zugelassen und hatte die Berechtigung zum Richteramt erworben) und sein profundes philosophisches Wissen bewahrten seine psychologische Forschung vor Vordergründigkeit und ermöglichten den für ihn so charakteristischen Aspektreichtum bei der Diskussion der von ihm behandelten Probleme. Seine Veröffentlichungen befassten sich mit Fragen der Erkenntnistheorie, Phänomenologie, Pädagogik, psychologischen Diagnostik, forensischen Psychologie und insbesondere der Denkpsychologie.

Selz sah in der Psychologie die Brücke zwischen dem Positivismus der philosophisch geschulten Naturwissenschaftler und der Metaphysik (im Sinne von Fichte, Hegel) der geisteswissenschaftlich orientierten Philosophen. In seiner Dissertation über "Die psychologische Erkenntnistheorie und das Transzendenzproblem" (bei Lipp in München) versuchte er durch die Auseinandersetzung mit den Thesen von Locke, Berkeley und Hume eine eigene Erkenntnistheorie zu erarbeiten und kam zu dem Schluss, dass die Psychologie als biologische Wissenschaft naturwissenschaftliche Methoden anwenden müsse. Die Thesen des Positivismus wurden von ihm somit prinzipiell anerkannt. Er zählte die Psychologie als Wissenschaft des Lebens (gegenüber denen des Geistes und der Natur) zu den "Gesetzwissenschaften", auch wenn eine Anwendung mathematischer Formeln nicht in dem Maße möglich sei wie in den "exakten Wissenschaften".

Selzs wichtigste wissenschaftliche Beiträge betrafen Fragen der Denkpsychologie. Nach seiner Promotion wurde er in Bonn Schüler und Mitarbeiter von Külpe, dem Begründer der Würzburger Schule (siehe Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie), deren Kernpunkt die Ablehnung der bis dahin vorherrschenden, letztlich auf Aristoteles zurückgehenden Assoziationstheorie (insbesondere die Erklärung willentlicher Denkakte durch die assoziative Verknüpfung von Vorstellungen nach dem Kontiguitätsprinzip) war. Selz begann in Bonn mit den empirischen Untersuchungen zu seinem Werk "Über die Gesetze des geordneten Denkverlaufs", das er als Habilitationsschrift vorlegte. Er arbeitete an der Entwicklung von Methoden zur Analyse von Denkvorgängen (im Wesentlichen die Introspektion unter experimentellen Bedingungen) entscheidend mit, indem er durch Prozeduren zur systematischen Variation von Aufgabenstellung, Abfragemodus und Protokollierung methodenabhängige "Verfälschungen" der Daten zu kontrollieren suchte.

Man würde die wissenschaftliche Bedeutung des Werkes von Otto Selz aber verkennen, wenn man ihn bloß als einen Vertreter der Würzburger Schule klassifizierte. Er hat die Thesen der Würzburger Schule weiterentwickelt, indem er die Ziel- bzw. Aufgabenbezogenheit des Menschen (= Motivation) und seine verschiedenartigen kognitiven Leistungen - von einfachen Orientierungsanleitungen bis zum produktiven Denken - zu einer geschlossenen Theorie zu integrieren suchte. Selz fasste Denken als Kontinuum von reproduktiven und produktiven Operationen, und zwar als "Probehandeln" auf. Produktives Denken entsteht, wenn die von ihm so genannte reproduktive Wissensaktualisierung nicht zum Ziel führt. Denken ist dabei nicht gleichzusetzen mit dem Besitz von Wissen, sondern mit der Möglichkeit, Wissen einschließlich Mittelfindung anwenden zu können. Dabei interessierte ihn primär die Methodik, die das Individuum während eines Denkvorgangs anwendet. Seebohm (1970; S.54 ff.) fasste die für die Gegenwart wichtigsten Ergebnisse der Selzschen Deckpsychologie in sieben Thesen zusammen:

  1. Selz setzte anstelle der assoziativen Verknüpfung von Gedankeninhalten die Verknüpfung durch Streben nach Komplexergänzung
  2. Anstelle der Betrachtung von Denkinhalten diejenige von Denkverläufen: welche Operationen werden durchgeführt, wenn Bewusstseinsinhalte denkend miteinander verbunden werden?
  3. Steuernde Kraft des Denkprozesses ist die schematische Antizipation im Zielbewusstsein:
  4. Das im Zielbewusstsein schematisch erfasste Denkziel setzt einen Denkprozess in Gang, der streng determiniert ist: jeweils das Vorhergehende als spezifischer Reiz bedingt das Nachfolgende als spezifische Reaktion.
  5. Die Determination des Verlaufes der Denkoperation durch eine Kette von spezifisch miteinander verbundenen Teilreaktionen ist Voraussetzung des reproduktiven und produktiven Denkens.
  6. Die Person ist die Vereinigung aller zur Verfügung stehenden spezifischen Verhaltensweisen.
  7. Die Person, als die synthetisch aufgebaute Ganzheit der spezifisch aufgebauten Verhaltensweisen, ist für jede einzelne Verhaltensweise der Ausgangspunkt: Verhalten ist ganzheitlich gesteuert.

Selz formulierte in seiner Denktheorie bereits Konzepte, die in modernen Ansätzen - z.B. der Schema-Theorie (hierzu Herrmann, 1982), Theorien zur Künstlichen Intelligenz oder Problemlösungstheorien - von zentraler Bedeutung sind. Seine Beschreibung von Denkprozessen, lange bevor es Computer gab, hat eine große Ähnlichkeit mit den später durch Computersimulationen festgestellten Prinzipien. Seine aus der Denktheorie abgeleiteten Methoden und Vorschläge zur pädagogischen "Hebung des Intelligenzniveaus" (1935) werden - ohne dass auf ihn Bezug genommen wurde - in letzter Zeit im Rahmen von "Lernhierarchiemodellen" oder dem "Testing the limit" - Ansatz wieder aufgegriffen.

Selz formulierte seine wesentlichsten Vorstellungen zum Denken als einem strengen Gesetzen folgenden Prozess von aufeinander bezogenen Operationen vor 1920. In späteren Jahren, vor allem nach 1930, befasste er sich vorwiegend mit der inneren Struktur dieser Operationen, d. h. mit den "phänomenologischen Aufbauprinzipien", durch die die Möglichkeiten für das dynamische Denkgeschehen festgelegt werden. Er versuchte außerdem mit seinen Arbeiten zur Phänomenologie des Raumes eine Analyse der Wahrnehmungsbedingungen, wie sie ähnlich in der Gestaltungstheorie beschrieben sind. Für die theoretische Ausgestaltung seiner Grundkonzeption, dass im Wesentlichen "Steigerungsphänomene" und "definierte Qualitäten" (z. B. Raum, Zeit, Ton, Farbe) wahrgenommen werden, zog er zunehmend mathematische Überlegungen heran und versuchte andererseits, geometrische Axiome wahrnehmungspsychologisch zu deuten.

Nach der 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung erfolgten vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand war Otto Selz von wissenschaftlichen Kontakten weitgehend abgeschnitten und an der Verbreitung seiner Forschungstätigkeit gehindert. Ab 1934 konnte er nur noch sechs relativ kurze Zeitschriftenartikel publizieren (davon einer posthum von Révész herausgegeben). Die Unermüdlichkeit, mit der er trotz politischer Bedrohung und der eingeschränkten Möglichkeiten an seiner Theorie weiterarbeitete, zeigen die unveröffentlichten Manuskripte über Fragestellungen Phänomenologischer Aufbauprinzipien (ca. 4500 z. T. handschriftliche Seiten), die sich im Nachlass fanden. Die politischen Umstände führten auch dazu, dass sein Werk heute - auch unter deutschen Forschern - kaum bekannt ist. Besonders seine nach der Entlassung geschriebenen Arbeiten zur Phänomenologie des Raumes sind nahezu vergessen, obwohl sie von Révész als "in ihrer Bedeutung weit über die Grenzen der Psychologie hinausgehend" charakterisiert wurden.